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Freitag, 9. September 2016

Wir sind Grufties - wir sind tolerant! Wirklich?

Hallo, meine lieben alternativen Menschen!

Heute geht es mal wieder um eines meiner liebsten Themen: Toleranz!
Die Schwarze Szene brüstet sich gern mit verschiedensten Eigenschaften - und eine davon ist sicherlich Toleranz. Zeit, dies mal unter die Lupe zu nehmen.

Fakt ist, dass die Szene auch durchaus für soziale/gesellschaftliche Außenseiter interessant ist, weil sie diese in der Regel bereitwillig aufnimmt. Menschen, die auf Grund verschiedenster Eigenschaften nicht so recht in die "normale" Gesellschaft passen, fühlen sich häufig in der Szene akzeptiert und angekommen. Nicht zuletzt wohl wegen des berühmten sogenannten Szenenzusammenhalts. Aber ist das wirklich so?

Ich denke hier wird ein Wunschbild heraufbeschworen, welches so nicht wirklich vohanden ist. Innerhalb der Schwarzen Szene tummeln sich, genau wie in der normalen Gesellschaft, verschiedenste Menschen, mit unterschiedlichen Einstellungen, Interessen, politischen Ansichten, musikalischen Vorlieben und und und... Eben deswegen kann es gar keine ernshafte Toleranz und auch keinen wirklichen Zusammenhalt zwischen den Szenegängern geben. Welcher linksorientierte Mensch hat schon allzu größte Lust, sich ernsthaft mit einem Swastika-bepinnten Rechtsgruft zusammen zu setzten oder gar über einen Kamm scheren zu lassen, nur, weil bei der Wahl der Farbe der Kleidung Konsens herrscht? Viel mehr Gemeinsamkeiten bestehen zwischen diesen beiden (ich gebe ja zu: extremen) Fällen nämlich nicht.

Aber wie kommt es nun zu der Annahme, dass die Szene so tolerant ist? Der Unterschied zu anderen Szenen oder auch zur normalen Gesellschaft besteht wohl darin, dass wir Grufties meist nicht auf Konfrontation aus sind. Selbst der ewige "Nörgelgrufti" ( jeder kennt einen ;) ) scheut zwar nicht die Diskussion, meidet jedoch meist die ernsthafte Auseinandersetzung. Es herrscht wohl eher eine "Leben und Leben lassen"- Einstellung vor, welche oftmals als Toleranz interpretiert wird, jedoch vermutlich eher aus einer gewissen Resignation heraus entstanden ist. Eine Resignation, die die konsumorientierte Spaßgesellschaft (oder auch hirnverbrannte Vollpfosten) anprangert, jedoch keine wirkliche Änderung dieser bewirken will, denn dies erscheint sowieso aussichtslos. Also nimmt man es so hin.

Meiner Erfahrung nach gibt es natürlich eine gewisse Toleranz innerhalb der Szene. Viele Anhänger sind offener gegenüber anderen Szenegängern, als sie es gegenüber "Normalos" sind. Und dies ist schlicht eine menschliche Reaktion. Gehe ich beispielsweise zu einer politischen Veranstaltung, trete ich den Menschen, die dieselbe politische Orientierung haben wie ich, offener gegenüber. Gehe ich in Baggys, Oversized Shirt und Cap auf ein Hip Hop - Event, kann ich auch davon ausgehen, dass die anderen Teilnehmer mir offener gegenüber treten, als wenn ich in Grufti-Klamotten daher komme. Oder mal ein plumperes Beispiel: mache ich Urlaub auf Malle, freue ich mich, wenn ich andere deutsche Touristen im Hotel entdecke, und trete ihnen höchtwahrscheinlich offener gegenüber, als anderen Mitinsassen - äh, Hotelgästen (ok... dieses Beispiel hinkt alleine deshalb, weil man mich wohl niemals im Urlaub in Malle treffen würde und ich Misanthrop sowieso so schnell niemanden sehr offen gegenüber trete... aber hier geht es auch mehr ums Prinzip). Gleich und gleich gesellt sich nunmal wirklich gern.


Aber: genauso habe ich schon Menschen szeneintern kennen gelernt, die extrem abweisend waren (szeneextern natürlich sowieso - "ihhh-gruftie-bla"), deren Verhalten keinerlei Interesse an näherem Kontakt ausdrückte, gar unfreundlich pöbelhaft war. Und dies nicht aus einer extremen Introvertiertheit heraus, nein. Einfach, weil die Menschen kacke waren. Und eben das ist der Punkt: die Schwarze Szene besteht nicht nur aus einer Sorte Menschen. Sie ist, auch wenn sie es nicht gern sieht und hört, eben eine "normale" Gesellschaft, bestehend in ihrem eigenen Mikrokosmos. Und genau, wie die "normale" Gesellschaft außerhalb der Szene, ist sie ebenfalls ein Sammelsurium verschiedenster Charaktere.

Es wäre allerdings möglich, dass es ein wenig mehr Toleranz innerhalb der Szene gibt. Zum einen natürlich, aus oben beschriebener Resignation heraus. Aber zum anderen vielleicht auch, weil viele Anhänger selbst Toleranz einfordern. Beispielsweise gegenüber ihrer Vorliebe für Morbides (was in der "Normalo"-Gesellschaft quasi nicht vorhanden ist), für eher unkonventionelle Hobbys (Fetish-Party im Latex-Outfit besuchen), oder natürlich für ihren extravaganten Kleidungsstil (sei es nur, die Kleidung schwarz zu halten). Aber eine prinzipiell tolerante Szene gibt es so nicht.
Ebenso wenig gibt es einen wirklichen Szenezusammenhalt. Wie auch? Die Szene ist mittlerweile  Auffangbecken verschiedenster subkultureller Strömungen. Der Zusammenhalt der Schwarzen Szene ist der, den jede andere Szene, jede andere Subkultur eben auch hat. Nicht mehr und nicht weniger. Ich persönlich habe noch keine wirklichen Freunde nur auf Grund einer "Szeneangehörigkeit" gefunden. Oder anders formuliert: ich suche mir meine Freunde nicht auf Grund einer Szeneangehörigkeit aus. Denn das wäre äußerst intolerant.

Also mal ein kleines Fazit: Toleranz in der Szene gibt es selbstverständlich, ja. Aber ist die Szene intern toleranter, als andere Subkulturen? - Eher nein. Ist die Szene toleranter, als die "Normalo"-Gesellschaft? - Ein ganz bisschen vielleicht.

Im Übrigen halte ich mich selbst für äußerst tolerant. Szeneintern vor allem natürlich :D Aber wenn ich mich mal in verschiedenen Foren umschaue, wird mir häufig bestätigt, dass längst nicht jeder Szeneanhänger so tolerant denkt, wie ich. Hier zeigt sich ganz klar, dass nicht jeden Grufti allzu viel von der "Shit-Storm-vermeintlich-anonym-im-Internet-nörgeln-und-beleidigen"-Gesellschaft unterscheidet, zeigt er doch ganz ähnliche Verhaltensweisen.

Wie einige von euch sicherlich wissen, habe ich schon einmal einen Post zu einem ganz ähnlichen Thema verfasst. Wer also noch mehr zum Thema szeneinterne Toleranz lesen möchte, hier entlang.

Ich denke, dass war vorläufig wieder einmal genug Gedankensermon meinerseits. Seid ihr anderer Meinung? Habt ihr andere Erfahrungen gemacht? Oder auch dieselben? Gern in die Kommentare, meine Lieben.

Bis dahin: Cheerio and stay different!

Eure


Freitag, 8. Juli 2016

Meine neuesten Erfahrungen mit der Intoleranz der Menschen - Goth-Probleme im Alltag

Hallo, meine lieben alternativen Menschen!

Heute muss ich mal meinem Unmut mal wieder etwas Luft machen. Ich war vor gar nicht allzu langer Zeit auf der ein oder anderen Fete, Veranstaltung, Party, wie man es auch nennen möchte. Leider muss ich immer wieder feststellen, wie intolerant doch die Gesellschaft nach wie vor gegenüber Menschen ist, die nicht dem entsprechen, was als "Norm" deklariert wird:

Story 1:
O-Ton meines (mir bis dato unbekannten) Gesprächspartners: "Es ist ja nicht zu übersehen, dass ihr ganz in schwarz gekleidet seid. Also Gruftis seid ihr bestimmt nicht, dann hättet ihr keine Freunde. Ihr seid also Black Metaller." WTF?!

Soll heißen: Gruftis haben keine ("normalen") Freunde, die sie zu Partys einladen würden? Aha. Ich kann nur sagen: Dem ist nicht so - glaubt mir. Ich war ja dort. Und außerdem: Hallo? Wie ich nicht auch nur im Entferntesten aussehe, wie jemand, der sich dem  Black Metal verschrieben hat. Immer diese Leute ohne Plan.

Story 2: 
Der Wirt (! = erwachsener Mensch, Dienstleister und so) der Gastwirtschaft fragt lauthals einen anderen Gast von oben herab: "Warum iss'n die so blass? Hä?" (mit Kopfbewegung in meine Richtung). Der Gast antwortete sichtlich unangenehm berührt: "Ich weiß nicht. Vielleicht, weil sie keine Sonne kriegt." Zur Erklärung: Ich stand nicht einmal einen Meter entfernt.

Ich frage mich immer wieder, womit sich Menschen das Recht herausnehmen, andere ihnen vollkommen Unbekannte so zu kritisieren? Ist ihnen das nicht unangenehm? Und diese Frage ist durchaus Ernst gemeint, denn mir wäre es sehr unangenehm, wenn die Person, über die ich mich derart abwertend äußere, meinen Kommentar eindeutig mitbekommen hätte - so wie es in dieser Situation der Fall war. Hier war es ja sogar gewollt, dass ich es höre. Ich frage mich, ob tatsächlich eine Reaktion meinerseits erwünscht war?

Und hier mal ein kleiner Exkurs zum Thema gesunde Bräune: Heute dürfte den allermeisten Menschen bekannt sein, dass "Bräune" nicht unbedingt ein Zeichen von Gesundheit ist. Schon gar nicht, wenn sich helle Hauttypen (wie ich) auf ein Maß "heraufbräunen", welches dem angeblichen Schönheitsideal entspricht und schon von Weitem als absolut unnatürlich erkennbar ist. (Oh - hier fällt mir eine nette Geschichte ein, quasi ein Exkurs im Exkurs (ich bin ja so Inception-mäßig): Ich dürfte mal eine junge Dame kennen lernen, die sich regelmäßig - jeden zweiten Tag - unter die technische Einrichtung begeben hat, welche den Körper mit UV-Licht bestrahlt - man nennt es auch Solarium. Diese Dame war davon überzeugt, "Gerüchte", wie UV-Strahlung lasse die Haut schneller altern oder könne Hautkrebs verursachen, seien Teil einer Verschwörung gegen die Solarium-Industrie. Ja - ernsthaft. Aber nun genug Exkurs im Exkurs und wieder zum eigentlichen Exkurs). Wer meint, sich der gesundheitlichen Belastung aussetzen zu wollen, um einem Ideal zu entsprechen, welches durch eine oberflächliche Gesellschaft diktiert wird, soll das tun. Ich habe nichts dagegen, jeder so, wie er es mag. Aber ich kann nur wieder sagen: bitte, mehr Toleranz gegenüber Menschen, die eben dies nicht wollen, aus irgendwelchen Günden nicht können, whatever.

Nun wieder zur ursprünglichen Story: ich habe nichts dagegen, wenn mich Menschen auf mein Äußeres ansprechen, mir Fragen zu meinem Lebensstil stellen. Im Gegenteil: wenn man sich dagegen sperrt, befeuert man meiner Ansicht nach nur Vorurteile. Und mir ist durchaus bewusst, dass alles, was nicht der "Norm" entspricht, Aufmerksamkeit auf sich zieht - das ist gerade in Subkulturen ja auch z.T. gewollt. Schließlich funktioniert Abgrenzung nur so. Aber bitte: respekt- und niveauvoll. Auf dieser Grundlage können die interessantesten Gespräche entstehen.

Das waren nur meine aktuellen Erfahrungen. Ich bin es ja schon gewohnt - trotzdem empfinde ich immer wieder absolutes Unverständnis für solche Verhaltensweisen.

Ich bin mir sicher, dass ihr das auch kennt. Hat jemand in der letzten Zeit etwas ähnliches erlebt? Gern in die Kommentare :)

Das war es auch schon für heute.
In diesem Sinne und trotz allen Unmuts: Cheerio and stay different!

Eure




Mittwoch, 29. Juni 2016

Mourning 2.0 - Trauer und Anteilnahme im Zeitalter von Social Media

Hallo, meine lieben alternativen Menschen.

Heute möchte ich, aus aktuellem Anlass, ein wenig über Trauer im Zeitalter von Social Media sprechen. Dieses Thema hat zwar nicht direkt etwas mit einer alternativen, subkulturellen Lebenseinstellung zu tun (indirekt aber irgendwie schon), jedoch ist es mir ein Bedürfnis.

Gestern ging die Nachricht, dass der italienische Schauspieler (ich beschränke mich mal auf den Beruf, für den er den Meisten im Gedächtnis sein dürfte) Carlo Pedersoli, besser bekannt als Bud Spencer, verstorben ist, wie ein Lauffeuer durch die Sozialen Netzwerke. Nur einen Tag zuvor kam man kaum an einer Meldung zum Tode des deutschen Schauspielers Götz George vorbei. Auch der Tod des US-amerikanischen Sängers Prince, sowie der des Gesamtkunstwerks David Bowie, beschäftigten die Nutzer Sozialer Netzwerke sehr intensiv und ausgiebig.

Nicht nur Prominente werden öffentlich medial betrauert - man erinnere sich auch an den Anschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo und Je Suis Charlie, oder an die zahlreichen in den Farben der Landesflagge Frankreichs eingefärbten Facebook-Profilbilder nach den Terroranschlägen in Paris im November 2015 (selbes Bild nach den Anschlägen in Brüssel im März diesen Jahres). Auch heute morgen erreichte mich die Meldung, dass ein weiterer Terroranschlag auf die Türkei am Flughafen Atatürk in Istanbul verübt wurde, zuerst durch die Anteilnahme auf Sozialen Netzwerken (btw - was ist bloß los mit der Welt? - anderes Thema).

Hier werden Ereignisse öffentlich medial betrauert, die die Öffentlichkeit auch betreffen: das Ableben Personen öffentlichen Lebens, Terroranschläge als direkter Eingriff in die öffentliche Gesellschaft. Aber wie verhält es sich mit privater Trauer? Auch diese wird zunehmend in Sozialen Netzwerken vollzogen. Angehörige erinnern an Geburts- oder Todestagen mit entsprechenden Posts an die/den Verstorbene/n, mancher Post widmet sich gar dem verschiedenen Vierbeiner.

Tatsächlich habe ich mich bereits im Studium mit der Frage auseinander gesetzt, wie diese Form der Trauer und auch der Anteilnahme funktioniert. Ich muss zugeben: auf mich wirkte es im ersten Moment etwas befremdlich. Dies liegt daran, dass ich den öffentlichen Umgang mit Trauer nicht gewöhnt bin, denn in unserer Gesellschaft sind Trauer und Tod nicht mehr "zeitgemäß". Bereits in meinem Post zur Dürer-Ausstellung habe ich dies näher beschrieben:  gestorben wird in Altersheimen, der Tod hat keinen Platz in unserem Leben und in unserer Gesellschaft, nur Jugend und Schönheit sind erstrebenswert - Altern ist eine Schwäche. Trauer findet im Privaten statt, in der Familie, vielleicht auch noch im engen Freundeskreis. Aber bitte nur eine Woche - danach hat man wieder normal zu funktionieren. So sind wir heute geprägt - ganz anders, als es noch vor einigen Jahrzehnten üblich war oder in anderen Kulturen noch ist. Und genau deshalb erscheint es Vielen zunächst einmal fremd, ja gar unangebracht.

Die Entwicklung zur Trauer 2.0, zur medialen Verbreitung von Gefühlen und Erlebnissen des Einzelnen, ist jedoch die logische Konsequenz der allgemeinen Verlagerung unserer sozialen Aktivitäten in Soziale Netzwerke. Dinge, die im Prä-Internet-Leben mit der Familie, mit Freunden oder Bekannten face to face besprochen wurden, werden heute schnell und ohne weitere Verpflichtungen im Netzwerk geteilt. Anzeigen, die in Zeitungen geschaltet wurden, werden nun (auch) online geteilt - wer liest schon noch Zeitung?

Immer wieder findet man auch Einträge in den Netzwerken, die klar die Abneigung des jeweiligen Verfassers zu dieser Form der Trauer und Anteilnahme bekunden. Es ist aus oben erläuterten Gründen durchaus nachvollziehbar, dass es einigen befremdlich erscheinen mag, allerdings sollte doch jedem die Art und Weise, wie er trauern oder seine Anteilnahme kundtun möchte, selbst überlassen bleiben - egal, ob es sich auf öffentliche Ereignisse bezieht oder um private Trauer handelt. Heute teilen wir mit unseren Netzwerk-Freunden Veranstaltungen, an denen wir teilnehmen, Filme, die wir gesehen haben, Essen, welches wir zubereitet haben - warum nicht auch Trauer? Auch hier kann ich nur wieder an die Toleranz der Menschen appellieren: jedem das Seine. Niemand wird gezwungen, seine Gefühle öffentlich kund zu tun - ebenso sollte niemand gemaßregelt werden, der dies tun möchte - ganz unabhängig davon, was man allgemein von Sozialen Netzwerken hält, das ist ein anderes Thema. 

Erscheint die Entwicklung zu dieser Form der Trauer, zur Mourning 2.0 doch zunächst befremdlich, entspricht sie eben doch dem Zeitgeist unserer Gesellschaft. 

Dies sind meine Gedanken zu dieser Thematik. Ich bin offen für niveauvolle Diskussionen ;)

In diesem Sinne: Cheerio and stay different!
Bis ganz bald.

Eure




Mittwoch, 1. Juni 2016

Kein richtiger Goth? Gothic-Elite? Toleranz innerhalb der Szene

Hallo, meine lieben alternativen Menschen!

Heute möchte ich euch - grob gesagt - mal etwas zum Thema Toleranz innerhalb der Schwarzen Szene erzählen. 

Die zauberhafte ReeRee Phillips hat heute ein Video veröffentlicht, in dem sie über Haters redet, die sie und ihre Person immer wieder mit fragwürdig intelligenten Kommentaren angreifen. Schlimm genug, dass es Menschen gibt, die ihr eigenes Leben aufwerten müssen, indem sie Andere, die sie nicht kennen, sinnlos kritisieren, gar beleidigen. Aber gut, so ist es wohl im Internetzeitalter - vermeintliche Anonymität bringt den einen oder anderen komischen Menschen dazu, sein Inneres zu zeigen - ob man es nun kennen will oder nicht. Allerdings finde ich es immer wieder erschreckend, wenn dann szeneintern so heftig gemobbt wird, wie die liebe ReeRee Phillips es in ihrem Video beschreibt.

Das hat mich dazu inspiriert, euch meine Erfahrungen mit dieser ganzen Thematik und meine Meinung dazu einmal genauer mitzuteilen. 

Als ich mit blutjungen 15 Jahren meine ersten Schritte in der Goth Szene wagte, war ich, wie vermutlich die Allermeisten unter uns, doch recht unsicher und unerfahren. Dies lag vor allem daran, dass ich in einer Kleinstadt aufgewachsen bin, in der es ungefähr drei Szeneanhänger (und nicht einmal eine Zugverbindung in größere Städte) gab. Naja - vielleicht waren es auch fünf Anhänger, aber diese fünf Leute bewegten sich leider nicht in meinem Freundeskreis. Demnach hatte ich diesbezüglich keine großartigen Vorbilder oder Menschen, die mich einfach mal mit zu entsprechenden Veranstaltungen nahmen. Alles, was ich über die Szene wusste, hatte ich irgendwann mal aufgeschnappt oder las es in den entsprechenden Szene-Zeitschriften, die ich mir, auf Grund meines kleinen Taschengeldes, nicht allzu oft gönnte. Ich bastelte mir also meine eigene kleine Szene, lief schwarz herum, sonderte mich immer mehr von den unerträglich oberflächlichen Menschen in meinem Umfeld ab (die sich natürlich auch von mir absonderten, schließlich war ich nun ein Grufti!), hörte meine Musik, die damals größtenteils aus verschiedenen Metal-Geschichten und Goth Rock/Metal bestand.
Das Internet nutze ich tatsächich eher sporadisch, dass kam erst später so richtig. Aber als ich mich einmal in einen regionalen Chat verirrt hatte und dort auch noch einen offensichtlich "schwarzen" Menschen gefunden hatte, freute ich mich natürlich sehr. Auf die Frage hin, was ich für Musik höre, kam von mir, sowas wie: "Sisters of Mercy, Korn, Slayer, The 69 Eyes, Silke Bischoff..."
Die Antwort darauf war für mich ein Graus: "Das ist kein Gothic. Du bist gar kein richtiger Grufti!"

Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, wie ich mich damals, sehr sensibel und schüchtern, wie ich so war mit 15, gefühlt habe. Natürlich hatte er Recht damit, dass Bands wie Korn oder Slayer definitiv nicht als Gothic bezeichnet werden können. Allerdings hörte ich auch andere Stilrichtungen, die einfach ignorant als zu untrue abgestempelt wurden. Aber ich dachte, ich ergreife mal die Chance, schließlich hatte ich ja nun offenbar einen echten Szenekenner, einen "Altgrufti" ausfindig gemacht, und fragte, was denn ein richtiger Goth sei? Und was man denn da für Musik hören müsste, um zu diesem elitären Club dazu zu gehören? Die Antwort war der übersendete Link der offiziellen Lacrimosa Homepage, sonst nichts. Danach habe ich viel Lacrimosa gehört und mich ziemlich lange für "nicht gruftig genug" gehalten :D.

Was soll man jetzt davon halten? Heute, nach 15 Jahren Szenezugehörigkeit, nach vielen sehr netten und wunderbaren Menschen, die ich innerhalb (und natürlich auch außerhalb) der Szene kennen lernen durfte, nach unzähligen Veranstaltungen, Konzerten, Partys, Musikstücken und Bands, diskussionsreichen Nächten, kurz gesagt: nach meiner "Reifung" zu einem offiziell erwachsenem Menschen und Mitglied des "Clubs": Man, war das ein armer, ignoranter und bestimmt ziemlich einsamer Mensch! Ein Mensch, der offenbar nicht verstanden hat, was es mit der ganzen Sache wirklich auf sich hat. Statt mich zu fragen, warum ich mich für einen Goth halte, was ich darüber denke, was es für mich aussagt und ausmacht, fragt er, was ich für Musik mag und verurteilt mich auf Grund meines Musikgeschmacks mit 15 (!!! 15 jähriger Teenager  - da waren wir alle etwas komisch :D ).

Offenbar bin ich damals an einen Menschen geraten, der nur in Schubladen denken kann, der sich für einen richtigen Grufti, für die sogenannte Gothic-Elite hält, und seine Szene um alles in der Welt abkapseln möchte von den bösen Einflüssen des Mainstreams - was ja bis zu einem gewissen Grad auch ok ist, schließlich stellt sich die Szene entschlossen gegen den Kommerz. Aber szeneintern herummobben? No-Go!
Ich glaube, Menschen, die sich für eine Gothic-Elite halten, haben die Szene null verstanden. Es wird sich Toleranz auf die Fahne geschrieben, Oberflächlichkeit verteufelt, reflektiertes Denken gepredigt, und dann werden fleißig Menschen verurteilt, beleidigt und verunsichert. Zu Menschen, die nicht einmal szenintern in der Lage sind, Toleranz zu üben, kann ich nur sagen: "Won't find me practising what I'm preaching" (uh - ein Zitat aus der Mainstream-Popmusik, shame on me!). 
Wer meint, es gäbe so etwas wie eine Gothic-Elite, kennt offenbar die Hintergründe, die Ursprünge der Szene nicht wirklich, die aus der britischen Punk-Bewegung entsprungen ist. Als Reaktion auf die aggressive Attitüde, die zunehmende Kommerzialisierung und auch das langsame Schwinden des Punk, entwickelte sich neben anderen subkulturellen Bewegungen auch das, was wir heute die Schwarze Szene nennen. Die frühen Anhänger stammten häufig aus sozial gut gestellten, gar elitären Familien (anders, als im Punk), gegen die sie unter anderem auf ihre Art rebellierten. Neulich habe ich in einem schwarzen Netzwerk ein Foto einer sehr aufwendig gestylten Dame im viktorianischen Stil gesehen, mit dem Kommentar darunter: "Platz da, hier kommt die Elite!" - WTF? Wenn das die Szene ist, möchte ich nicht mehr dazu gehören. Aber glücklicherweise weiß ich, dass dort draußen eine Menge Leute sind, die dies alles exakt genauso empfinden, wie ich es tue und sich von diesem so oberflächlichen, elitären Denken distanzieren.

Aber gut - langer Rede kurzer Sinn: kommen wir zum Schluß.

Gothic in seinen Urspüngen war eben nicht elitär (und ist es auch heute nicht), sondern gerade in den Anfängen absolut vielfältig und vor allem nicht aggressiv. Also: Nehmt euch nichts von beleidigender, harscher Kritik von jemandem, der sich für einen "richtigen Grufti" hält, an. Macht das, was euch glücklich macht, was ihr mögt, liebt. Ihr braucht euch vor niemandem zu rechtfertigen, außer vor euch selbst. Wer die Szene wehement gegen Veränderung und Neuerung "verteidigt", sich gegen die wunderbare Vielfalt stellt, Menschen verurteilt, beurteilt oder gar ausschließt, ist nicht besser, als jeder Nazi.

Und natürlich darf man eine eigene Meinung haben, man sollte - nein - man muss sogar dringend nicht meinungslos sein, herumlaufen, als gäbe es nichts in der Welt, worüber man nachdenken könnte oder müsste, und alles tolerieren. Aber bitte: Kritik sinnvoll formulieren, ggf. belegen und Mitmenschen mit Respekt behandeln - szeneintern wie extern! Man sollte meinen, dass man so etwas schon in der Kinderstube lernt...


Wer mehr über die Schwarze Szene und ihre Ursprünge erfahren möchte und Quellen zu meinen Aussagen über diese benötigt, hier: 

Behr, Johann (2007): Identitätssuche in jugentlichen Subkulturen. Skinheads, Punks und Gothiks. Saarbrücken: VDM Verlag Dr. Müller

El-Nawab, Susanne (2007): Skinheads, Gothics, Rockabillies: Gewalt, Tod und Rock'n'Roll. Eine ethnographische Studie zur Ästhetik von Jugendlichen Subkulturen. Berlin: Archiv der Jugendkulturen Verlag KG 

Stieg, Ecki (2000): Eine Szene ohne Namen. In: Matzke, Peter, Seelinger, Tobias: Gothic! Die Szene in Deutschland aus Sicht ihrer Macher. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, S.15-21


Und wer das Video von ReeRee Phillips ansehen, welches mich zu diesem Post inspiriert hat und wissen möchte, worum es genau ging:


  
So. Das musste mal gesagt werden.

Und wer es bis hier geschafft hat: Cheerio and stay different!

Eure