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Mittwoch, 27. Juni 2018

Wird die Schwarze Szene von Hipstern unterwandert?

Heute gibt es für euch mal wieder etwas von meinem Gastautor und Liebsten zu lesen: Victor von Void über die mögliche Szeneunterwanderung. Viel Lesevergnügen!

Wir waren vergangenen Freitag bei einem kleinen, feinen Konzert der Bands Qual und Smittness. Zu den Bands will ich hier nicht viel sagen, außer, dass erstere eine Mischung aus Oldschool-EBM, Industrial und einer Prise Aggrotech spielten, letztere hingegen eine Art Cold-Wave-Pop, wie eine etwas verträumtere Version von Hante. oder Keluar. 

Gegenstand dieses Posts sollen jedoch weniger die Bands (oder das Konzert als solches), sondern vielmehr das Publikum (schätzungsweise etwa dreißig bis fünfzig Leute) sein: es bestand mindestens zur Hälfte aus dem, was ich vom Aussehen her als Hipster beschreiben würde, ein Teil von ihnen war wohl in seiner Funktion als Freunde der Musikerin von Smittness dort. 

Mir drängte sich ein Gedanke auf, der dann sowohl von Mina als auch von anderen Besuchern im Gespräch mir gegenüber geäußert wurde: 

"Die Schwarze Szene wird von Hipstern unterwandert!"

Innerlich sprang dabei natürlich sofort der alte Abwehrreflex an, der Fremden das Eindringen in die eigene Gruppe verwehren will, und der gerade in der Schwarzen Szene verbreitet ist und sich gegen alles und jeden richtet, der als Bedrohung der eigenen Gruftigkeit und Trueness wahrgenommen wird. Seien wir ehrlich: die meisten von uns halten Hipster für das Böse unter der Sonne, eine Perversion von allem, was uns heilig ist, Trendhuren, ein Krebsgeschwür, dass sich einfach an den Codes unserer Szene (die Farbe Schwarz, bestimmte Frisuren, Tattoos etc.), unserer Musik und unserem Individualismus bedient, ohne uns dabei den nötigen Respekt zu zollen. Kurz gesagt: Hipster sind der Feind. 

Nachdem mein innerer Bluthund aufgehört hatte, wild geifernd um sich zu beißen, stellte ich mir dann doch noch die Frage, woher dieser Eindruck kommt und ob er überhaupt stimmt: 

Werden wir wirklich unterwandert? 

Definieren wir doch erst einmal den Begriff der Unterwanderung als das Eindringen in eine Gruppe oder Szene mit dem Ziel der Veränderung oder Zersetzung derselben.

Den oder die Hipster (bzw die Hipster-Szene) will ich hier nicht umfassend definieren (das wurde bereits anderswo getan und ist auch mangels sozialwissenschaftlicher Kompetenz meinerseits nicht ohne weiteres wirklich umfassend und korrekt möglich), sondern nur die Beobachtungen schildern, die mich dazu brachten, die Besucher als solche einzustufen: mehrheitlich weiblich, Birkenstocks oder weiße Sneaker (oder zumindest Sneaker mit weißen Sohlen), Frisuren bei denen Pony und Mini-Dutt eine entscheidende Rolle spielen (alternativ: irgendwie bunt gefärbter Undercut), Leggings oder Karottenjeans, Pullover und Cardigans, die möglichst weit sind und mit geometrischen Mustern und/oder Farben aus dem Spektrum der Signalfarben spielen, kurz: Klamotten, die man so aus den frühen 90ern kennt. Wobei auffiel, dass die Trägerinnen vermutlich nicht alt genug waren, die frühen 90er selbst bewußt miterlebt zu haben, denn wer die frühen 90er selbst erlebt hat, würde sich wohl eher selbst einen Fuß abkauen, als die 90er noch einmal als modisches Vorbild zu verwerten. Die Musikerin von Smittness passte übrigens optisch auch dazu.

Wie kommen nun also all die Hipster auf ein Konzert, das sonst vermutlich eher die Schwarze Szene anspricht? Hier dürfte die oben angesprochene Cold-Wave-Pop-Musik von Smittness eine Rolle spielen, sowie der Fakt, dass Qual ein Nebenprojekt von William Maybelline ist, der sonst bei Lebanon Hanover für die Musik zuständig ist, welche ebenfalls Post Punk und Cold Wave als Hauptbetätigungsfeld haben.

Post Punk und Cold Wave standen historisch gesehen am Anfang der Schwarzen Szene und waren einer der Haupteinflüsse bei deren Entstehung, verschwanden aber im Lauf der späten 80er und dann der 90er Jahre größtenteils in der Versenkung. Das Revival dieser Genres in den letzten Jahren wurde meiner Meinung nach aber unter Anderem auch von der Hipster-Szene ausgelöst, die bei ihrer Suche nach Dingen, die man "ironisch" feiern konnte, neben Schreibmaschinen, Bärten und Holzfällerhemden (ein Relikt der Grunge-Szene der frühen 90er) auch Bands wie Joy Division (wohl wegen ihrer ikonischen Plattencover, die auch auf T-Shirts und Jutebeuteln gut aussehen) aus der (Szene-)Versenkung zurück in den Mainstream hob, und in der Folge damit auch wieder verstärktes Interesse in der Schwarzen Szene selbst hervorrief, so dass eine Menge junger, neuer Bands diese alten Einflüsse aufgriffen und neu verarbeiteten. Und das mit beachtlichem Erfolg.

Wir verdanken also im Grunde auch den Hipstern aktuelle Lieblinge der Schwarzen Szene wie Lebanon Hanover, Selofan, Soft Kill, Ash Code oder Keluar.

Ist das also nun eine "Unterwanderung"? Im Sinne der oben genannten Definition wohl eher nicht, denn in der Vergangenheit wurden schon andere Einflüsse (z.B. Mittelalter, Steampunk, Metal) in die Szene assimiliert, ohne diese nennenswert zu (zer-)stören.

Ein Merkmal (nicht nur) der Hipster-Szene ist starke Abhängigkeit von Trends, die meiner Meinung nach stärker als in der Schwarzen Szene ausgeprägt ist. Zudem sind die vielen Auswüchse der Hipster-Szene schon längst wieder vom Mainstream assimiliert worden, anders als die meisten Merkmale der Schwarzen Szene. Aus meiner Sicht haben wir daher derzeit zwar eine musikalische Überschneidung, die sich aber langfristig wieder auflösen wird, sobald die Hipster-Szene sich anderen, neuen Trends zuwendet.

Ob das abgesehen von einer etwas breiteren Musikauswahl Spuren in der Schwarzen Szene hinterlassen wird, bezweifle ich aber: Ich kann mir einfach keine Grufties in weißen Sneakern und Holzfällerhemd vorstellen.

Dienstag, 17. Oktober 2017

Abseitig: Das Randfilmfest 2017

Die Schwarze Szene wurde und wird nicht nur von Musik, Kunst und Literatur inspiriert, sondern auch das Kino und (Genre-)Filme hatten und haben immer wieder nicht nur in visueller sondern auch oft in konzeptioneller Hinsicht einen großen Einfluss, von den alten Horrorfilmen der 30er bis 50er Jahre bis zu Filmen wie "The Crow" oder den Werken von Tim Burton. Deshalb findet dieser Teil unserer Kultur natürlich auch in diesem Blog seinen Platz.

Dass Deutschland international nicht (mehr) unbedingt für seine blühende Filmindustrie bekannt ist und man bisweilen das Gefühl hat, dass hierzulande nur seichte Rosamunde-Pilcher-Filme und romantische Komödien (und gelegentlich ein Nazi-Film) gedreht werden, kommt nicht von ungefähr, wenn man sich Fernseh- und Kinoprogramm anschaut. 

Ich war, kaum verwunderlich, aus unterschiedlichen Gründen nie Fan des deutschen Films: sobald ich feststellte, dass ein Film aus Deutschland kam, schaltete ich ihn aus. Das hatte viel damit zu tun, dass ich nicht die ewig gleichen Gesichter sehen wollte, das over-acting  vieler gepriesener "Stars" meine Fremdschämschwelle deutlich überschritt, oder ich die belanglosen Geschichten, die dümmlichen Charaktere oder die einfallslose Kameraführung unerträglich fand. Mittlerweile weiß ich dank Mina, dass viele dieser Probleme von der Art und Weise herrühren, wie in Deutschland Filme gefördert und finanziert werden (oder eben nicht finanziert werden können, aber das zu erörtern würden diesen Post sprengen). 

Genre-Filme (also Horror-, Fantasy-, SciFi-, aber auch Cop- oder Milieu-Filme) aus Deutschland haben hier oft einen schlechten Stand, weil sie wegen mangelnder Massenkompatibilität und fehlendem Wohlfühlfaktor vermeintlich eine zu geringe Erfolgschance haben, daher nicht gefördert werden und erst recht nicht ins Kino kommen. Sie finden also praktisch nicht statt.

Doch auch hier werden solche Filme gedreht, oft mit minimalem Budget und ohne die gehypten Schauspieler: Filme, die Genres und Themen abseits des Mainstreams bedienen, Filme, die internationale Preise einheimsen, aber hier, wenn überhaupt, nur in Programmkinos laufen, Filme, die mehr Kreativität und Qualität zeigen, als die tausendste Marvel-Comic-Adaption oder das hundertste Star-Wars-Sequel mit ihren mehrstelligen Millionenbudgets. Glücklicherweise kann man solche Filme auf den oft von nur wenigen Film-Enthusiasten organisierten, manchmal geradezu winzigen Filmfestivals sehen.

Und so waren Mina und ich auf Minas Initiative hin kürzlich also beim Randfilmfest 2017 in Kassel.

Das Randfilmfest wird jährlich vom Randfilm e.V. veranstaltet, fand dieses Jahr zum vierten Mal statt und hat, wie es der Name schon nahelegt, das Ziel, (Genre-)Filmen am Rand oder abseits des Mainstreams eine Plattform zu geben. Natürlich werden bei einem solchen Festival nicht nur Filme gezeigt, sondern es gibt auch  Konzerte, Parties und Podiumsdiskussionen oder Gespräche mit Regisseuren und anderen Filmschaffenden. In diesem Jahr waren unter anderem Dominik Graf (einer der bekanntesten deutschen Regisseure und 10-maliger Grimme-Preisträger), Nikias Chryssos und Tarek Ehlail anwesend, Uwe Boll (der einige furchtbare aber offenbar finanziell erfolgreiche Computerspiel-Adaptionen, zum Teil mit sehr bekanten Hollywood-Größen gedreht hat) war per Skype zugeschaltet. 

Das Randfilmfest ist dabei von sehr überschaubarer Größe. Ich würde schätzen, dass zu jedem Zeitpunkt maximal 40 Personen anwesend waren. Das hatte aber den angenehmen Nebeneffekt, dass man immer wieder jemanden traf, mit dem man schon gesprochen hatte und weiter anknüpfen konnte und dass man selbst Größen wie Dominik Graf, die wie andere Besucher im Publikum herumstanden, sich ein Getränk kauften oder im Film hinter einem saßen, mal eben so ansprechen konnte. 

2017 hatte das Festival zwei Leitthemen: "Der politische Genrefilm" und "Deutsche Dystopien". Da in der Regel je zwei Filme parallel liefen und das Programm von vormittags bis spät nachts lief, mussten wir natürlich eine Auswahl treffen. Am Freitag Abend schauten wir uns daher erst "Volt" von Tarek Ehlail und danach "Night of the Living Dead" des kürzlich verstorbenen George A. Romero (über dessen Zombie-Filme und die darin verarbeitete Gesellschaftskritik Mina ihre Bachelorarbeit geschrieben hat) an.

"Volt" wurde 2014/2015 von Tarek Ehlail geschrieben und gedreht und geht von der Prämisse aus, dass die europäischen Staaten wieder ihre Grenzen hochgezogen haben. In sogenannten Transit-Areas, die mit Stacheldraht umzäunten Flüchtlingscamps ähneln, leben diejenigen, die nicht legal einreisen dürfen, bis sie eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Die Polizei, ein verschworener und trotz gemischter Herkunft ziemlich rassistischer Haufen, führt dort regelmäßig brutale Razzien durch. Bei einer dieser Razzien tötet ein Polizist mit dem Spitznamen "Volt" (Benno Fürmann) einen der Transits. In der Folge wird versucht, die Tat zu vertuschen und mögliche Zeugen zum Schweigen zu bringen. Doch Volt kommt damit nicht klar und versucht, das aus seiner Sicht Richtige zu tun...


Auf den ersten Blick eine recht konventionelle Geschichte, glänzt der Film mit der Zeichnung seiner Charaktere und der dystopischen Welt, in der die Polizisten in Gated Communities leben und schwer gerüstet gegen die Transits vorgehen. Interessant ist, dass der Film mit Einsetzen der Flüchtlingskrise Ende 2015 quasi von der Realität überholt wurde. Man bekommt teilweise das Gefühl, dass die Flüchtlingslager nach dem Vorbild der Transit-Camps im Film modelliert wurden.

Den Samstag begannen wir mit "Animal Farm" nach dem Roman von George Orwell, um danach "Der Bunker" von Nikias Chryssos zu schauen. In diesem Film mietet ein junger Student, der zurückgezogen und in Ruhe an einer Theorie arbeiten will, ein Zimmer in dem Bunker einer Kleinfamilie. Schnell werden jedoch einige seltsame Dinge sichtbar: der Sohn der Familie wirkt merkwürdig alt und wird mit rauen Maßnahmen erzogen, die Mutter hat eine sprechende Wunde namens Heinrich am Bein und der Vater der Familie schwankt zwischen übermäßig autoritärem Auftreten, unrealistischen Ambitionen und unangemessenen Freiheiten.   


Das Spielfilmdebut von Nikias Chryssos mischt bizarr-beklemmende Elemente mit surrealem Humor, bei dem einem das Lachen im nächsten Moment im Halse stecken bleibt, und lässt sich vielleicht am ehesten als Groteske einordnen. Er hat auf diversen Festivals Preise eingeheimst, war aber hierzulande im Kino kaum erfolgreich. Zu unrecht, denn in seiner Absurdität spiegelt der Film doch ganz reale Probleme auf eine sehr unterhaltsame Weise: kleinbürgerlicher Konservativismus gepaart mit übertriebenem Ehrgeiz, Gewalt in der Familie, psychische Auffälligkeiten und vieles mehr. Ein Film der Spaß macht, auch wenn (oder gerade weil) er manchmal in die düstersten Ecken menschlichen Verhaltens abtaucht.

Nachdem wir uns nach einer Podiumsdiskussion noch "Starship Troopers" angeschaut, sowie ein Konzert der Band Speed Chicken (Rock'n'Roll) und einen Teil des Konzerts der Band Gewalt (Noisepunk) angeschaut hatten, strichen wir die Segel und machten uns auf den Weg ins Bett. 

Da wir Sonntag auch wieder den Heimweg antreten mussten, beschlossen wir, schon vormittags wieder am Spielort einzutreffen und uns wenigstens noch zwei Filme anzuschauen: "Wild" von Nicolette Krebitz und die Dokumentation "Verfluchte Liebe deutscher Film" von Dominik Graf, welche der Frage nachgeht, warum es in den 70er Jahren in Deutschland so etwas wie eine Genre-Film-Tradition gab, die heute praktisch verschwunden ist. 

"Wild" handelt von einer introvertierten jungen Frau, deren Großvater schwer erkrankt im  Krankenhaus liegt (ihre Eltern sind offenbar schon seit ihrer Kindheit abwesend) und deren Chef sie schikaniert. Als sie auf dem Heimweg durch ein Waldstück einen Wolf sieht und kurz darauf ihr Großvater ins Koma fällt, beginnt damit eine Entwicklung, in deren Lauf ihr Leben zunehmend aus den Fugen gerät und sie die Fesseln und Konventionen ihrer bürgerlichen Existenz ablegt. 


Themen wie Machtstrukturen, Sexualität, Kommunikation und zwischenmenschliche Beziehung werden nicht mit den üblichen ausufernden, bedeutungsschweren Dialogen aufgearbeitet, sondern mit einer spannenden Geschichte in radikalen Bildern, die den Zuschauer herausfordern. Wie die anderen Filme auch hat dieser Film diverse Preise gewonnen und wurde im Feuilleton ausgiebig besprochen, lief aber im Kino unter dem Radar. 

Alles in Allem waren die Filme für mich überraschend gut und haben meine negative Meinung über deutsche Filme zumindest etwas gelockert und mich neugierig auf mehr gemacht. Das Erlebnis Filmfestival kann ich jedem, der auch Filme mag, die nicht mit einem Millionenbudget ausgestattet sind und nur mit ihrer Optik glänzen können, nur empfehlen. Dazu kommt, dass man interessante Filme sieht, die man oft weder im Kino noch bei den Streamingdiensten findet, noch dazu meist zu einem günstigeren Preis als das im Kino möglich wäre.

Donnerstag, 8. Juni 2017

Post Mortem: Wave-Gotik-Treffen 2017

Das Wave-Gotik-Treffen 2017 ist vorbei, und natürlich waren auch Mina und ich wieder dabei, nachdem wir im letzten Jahr aus verschiedenen Gründen aussetzen mussten. Der Post-WGT-Blues hat uns zwar noch im Griff, aber das Gedächtnis wird nicht besser, daher ist jetzt also ein guter Zeitpunkt, einen kleinen Rückblick anzustellen, solange die Erinnerungen noch frisch sind.

Anreise

Die Anreise ist zwar lang, aber dank hervorragender Beschilderung auf den Autobahnen können wir Staus umfahren, und auch innerstädtisch hat sich Leipzig in diesem Jahr mit Baustellen und Sperrungen zurückgehalten, so dass wir pünktlich bei unserer gemieteten Ferienwohnung ankommen. Für mich ist immer schon die Ankunft in Leipzig ein Höhepunkt, denn spätestens wenn ich die Löwenskulptur an der B2 am Stadtrand oder auch die vielen erst teilweise sanierten Altbauten sehe, stellen sich bei mir so richtig WGT-Feeling und Freude auf die kommenden Tage ein.

Die wichtigsten Programmpunkte am Ankunftstag sind neben der Wohnung natürlich die Verpflegung und das Festival-Bändchen. Letzteres können wir uns an der Ausgabe beim Bahnhof abholen, wo wir dieses Mal erfreulicherweise nur eine kurze Schlange vorfinden, weil die Ausgabe schon seit mehr als zwei Stunden geöffnet und so der erste Ansturm schon abgearbeitet ist. Nach den nötigsten Besorgungen im Supermarkt lassen wir den Abend dann ruhig in unserer Ferienwohnung ausklingen. Natürlich könnten wir auch noch eine der Eröffnungsparties besuchen, aber in meinem fortgeschrittenen Alter *hust* war der Tag schon anstrengend genug, so dass wir uns dagegen entscheiden.

Tag 1: Freitag

Freitag ist VicPick-Tag. Natürlich sind auch wir wieder zum mittlerweile viel gescholtenen Victorianischen Picknick im Clara-Zettkin-Park gewandert, und natürlich ist es wieder genau so, wie wir es erwartet hatten, und noch viel schlimmer. Ich gebe zu, ich schaue es mir trotzdem sehr gern an, außerdem wollen wir Freunde treffen. Uns ist klar, dass es wieder unglaublich voll sein wird, dass es unglaublich viele Leute geben wird, die nur dorthin gehen, um sich fotografieren zu lassen, und dass das Ganze mehr einem Karneval als einem Picknick ähneln wird. Für mich hat das Picknick mittlerweile ohnehin nur noch wenig mit der Szene zu tun, ich betrachte es mehr wie einen Jahrmarkt oder Theater mit Zuschauerbeteiligung. Was für mich aber in diesem Jahr den Vogel abschießt, sind die Tische und Kleiderständer, die von einigen Besuchern aufgebaut werden, um Schmuck, Deko oder wahlweise abgelegte Kleidung zu verkaufen. In der Folge sind die ohnehin schon überfüllten Wege natürlich noch verstopfter, so dass ein Vorankommen kaum noch möglich ist. Wir finden trotzdem erst unsere Freunde und dann etwas abseits auch noch ein recht ruhiges Plätzchen, an dem wir uns relativ ruhig und ungestört hinsetzen und unterhalten können. Allerdings muss ich gestehen, dass ich nach dieser Erfahrung überlege, ob wir wirklich nächstes Mal wieder das Picknick besuchen sollten oder lieber eine der vielen anderen Rahmen-Veranstaltungen. Vielleicht gehen wir auch einfach mit einem Picknick-Korb in einen anderen Park...

Mina und ich beim Victorianischen Picknick

Freitag sollte aber auch unser erster Tag mit Konzerten werden. Natürlich haben wir uns schon zuhause einen Plan gemacht, welche Bands interessant erscheinen, und uns insbesonders auch Bands heraus gesucht, die wir noch nicht kennen oder zumindest noch nicht live gesehen haben. Aber bekanntlich überlebt kein Plan den Kontakt mit der Realität, und so landen wir nach einem kurzen Zwischenstopp zuhause (also in der Ferienwohnung) wieder bei Aeon Sable und Whispers in the Shadows im Felsenkeller, obwohl wir beide Bands erst im letzten November live gesehen hatten. Natürlich sind sie wieder einmal großartig, und besonders Aeon Sable rocken das Haus derartig, dass das wohl als eins ihrer besten Konzerte gelten darf. Der Felsenkeller ist übrigens gar kein Keller, sondern ein recht hübscher Saal, und obwohl dies schon mein sechstes WGT (verteilt über sechzehn Jahre) ist, sehe ich ihn in diesem Jahr zum ersten Mal von innen.

Der Felsenkeller 

Das Wetter ist erwartungsgemäß sommerlich warm und die Temperaturen pendeln sich um die 29 Grad ein, also rechnen wir damit, dass es auch in den Locations entsprechend heiß wird. Allerdings ist die Belüftung im Felsenkeller quasi nicht vorhanden, lediglich zwischen den Konzerten werden die Notausgänge geöffnet, mit dem Erfolg, dass man bei gefühlt 40 Grad und 95 Prozent Luftfeuchtigkeit buchstäblich im eigenen Saft brät. Warum die auf der Galerie vorhandenen Ventilatoren nicht laufen, um wenigstens für etwas bewegte Luft während der Konzerte zu sorgen, wird wohl ein Geheimnis der Veranstalter bleiben... 

Die Vleischerei schräg gegenüber

Zwischen den Konzerten besorgen wir uns schräg gegenüber in der Vleischerei (einem rustikalen vegetarischen Grill/Bistro) etwas zu essen. Für die Vegetarierer und Veganer unter unseren Lesern ist das definitiv ein Tipp, wenn ihr mal Leipzig besucht, denn die angebotenen Gerichte sind wirklich gut gemacht, lecker und reichlich für das Geld. 

Mina bei der Nahrungsaufnahme

Als Abschluß des Tages pilgern wir dann noch ins DarkFlower, Leipzigs wohl bekanntesten alternativen Club, wo an diesem Abend unter anderem bekannte Musiker und Szene-DJs wie Adrian Hates (Diary of Dreams) und Ronny Moorings (Clan of Xymox) auflegen.

Tag 2: Samstag

Der Samstag beginnt damit, dass wir wieder einmal viel zu spät los kommen. Wir müssen erst noch schnell ein paar Dinge besorgen, die wir in der Eile vergessen haben, also begeben wir uns in die Innenstadt, die zu diesem Zeitpunkt natürlich brechend voll ist, nicht nur mit WGT-Besuchern, sondern auch mit Leipzigern, Besuchern und natürlich Fotografen. Es ist warm (wenn auch nicht so warm, wie vorhergesagt, sondern nur etwa 26 Grad) und die Menschenmassen nerven, aber wir sind ja eh nur auf der Durchreise. 

Geplant ist, dass wir uns ins Täubchenthal begeben um dort die Scary Bitches und Bloody, Dead & Sexy zu sehen, alternativ erscheint uns das Stadtbad mit The Agnes Circle und später Lebanon Hanover attraktiv. Letztere haben wir zwar auch erst kürzlich gesehen, aber wer sagt, dass man eine Band nur einmal im Jahr sehen darf? 

Also auf in die Agra! Wait ... what? 

Ja, genau, da die Konzerte noch Stunden in der Zukunft liegen, entschließen wir uns, erst einmal die Agra zu besuchen, quasi als Bestätigung, dass wir auch wirklich, wirklich beim WGT sind. Und natürlich um die Leute zu begaffen und ein wenig einzukaufen, denn obwohl wir keine Fans des Kommerzes rund um die Szene sind, können wir uns dem doch auch nicht komplett verschließen. Die Fahrt in der Schwarzen Linie 31 von der Innenstadt zum Agra-Gelände dauert 45 Minuten, doch uns kommt es vor wie Stunden, auch weil wir einen Teil der Strecke stehen müssen und es in der Bahn unerträglich warm ist. Dafür sind die Ordner am Agra-Eingang wie immer freundlich (und das schreibe ich ganz ironiefrei), filzen meine Tasche mit den Besorgungen aus der Innenstadt nur ganz kurz, und schon sind wir auf dem Gelände. Hier ist natürlich wieder alles bunt und laut, aber so wollen wir es, sonst wäre es ja langweilig.

Straßenbahnfahren ist Tradition beim WGT

Wir stürzen uns in das Gewühle der Verkaufshalle ... und bleiben für die nächsten viereinhalb Stunden darin hängen. Es ist noch wärmer und noch lauter als draußen, und ich frage mich wiederholt, wie die Verkaufenden das den ganzen Tag aushalten, ohne irre zu werden. Trotzdem kämpfen wir uns tapfer weiter durch die Stände, probieren Klamotten an (naja, Mina probiert und ich gebe mehr oder weniger passende Kommentare ab), schauen uns Schmuck und Dekorationsobjekte an und sind wieder einmal überrascht, wieviel ... Kram ... man doch der Szene verkaufen kann.

Nachdem wir unsere Energie mit leckeren vegetarischen Gerichten vom Stand direkt vor der Messehalle aufgefrischt haben, begeben wir uns in die Konzerthalle, um VNV Nation zu sehen, die erst um 23 Uhr als Headliner spielen. Das Konzert halten wir aber nicht bis zum Ende durch. Zum Einen, weil es trotz der RIESIGEN Halle tierisch voll und warm ist. Zum Anderen, weil wir beide vertikal benachteiligt sind und einfach nichts von der Bühne sehen (wieso zum heiligen Batman gibt es eigentlich keine Videowand?), und nach einiger Zeit sind VNV Nation, obwohl wir sie eigentlich grundsätzlich mögen, irgendwie auch nur noch elektronischer Bumm-Bumm-Kram...

Die Agra-Hallen sind riesig: das kleine Schwarze in der Mitte ist Mina... 

Da wir noch nicht nach Hause wollen, gehen wir also in die Halle 4.2, den Diskosaal der Agra. Hier finden wir aber ebenfalls nur elektronischen Bumm-Bumm-Kram, und auch im Treffen-Café hält es uns nicht (die "Trash, Classix & strange sounds" sind uns dann irgendwie doch zu strange und trashig), und so machen wir uns schon kurz nach ein Uhr wieder auf den Heimweg.

Tag 3: Sonntag

Der Sonntag begrüßt uns mit Regen. Wunderbar, das motiviert uns ... nicht besonders. Aber glücklicherweise lässt der Regen gegen vierzehn Uhr nach, und die Sonne kommt heraus. Es ist kühler als die Tage zuvor, aber das ist nicht unangenehm. Auf dem Weg zur Straßenbahn entdecken einen winzigen Subway, an dessen Außenwand ein Gemälde prangt, das den Blick durch ein Fenster in einen Subway darstellt. Als wäre das nicht schon meta genug, scheinen alle Besucher des gemalten Subway in Schwarz gekleidet zu sein. Zufall? 

Subwaygemälde am Subway mit schwarz
gekleideten Subway-Gästen

Wir steigen in die Bahn und finden uns wenig später auf dem Agra-Gelände wieder. Moment, schon wieder Agra? Hatten wir nicht geplant, uns irgendetwas vom Rahmenprogramm anzuschauen? Oder die Bands, die im Volkspalast spielen, wie Lea Porcelain, Bleib Modern oder Whispering Sons? Jaaaa, aber She Past Away spielen in der Agra, und weil wir sie mögen und auch sonst etwas träge sind und später noch The 69 Eyes spielen sollen, die Minas Einstieg in die Szene Anfang der 2000er mit ihrem "Blessed Be"-Album begleitet haben und deshalb unbedingt gesehen werden wollen, nehmen wir wieder den Weg des geringsten Widerstandes. She Past Away haben wir zwar auch erst kürzlich gesehen, aber ... nunja, sie sind gut, und sie ein zweites Mal zu sehen schadet auch nicht. 

Zwischendurch suchen und finden wir das wohl beste italienische Restaurant Leipzigs, das Ristorante Pizzeria Natalina. Geführt von Italienern, inklusive einer trotz Stresses sehr netten und aufmerksamen italienischen Mama, und in kleinen, verwinkelten und sehr heimeligen Räumen beheimatet, ist das Ristorante an diesem Abend so voll, dass wir erst auf einen freien Platz warten müssen. Interessanterweise scheinen wir die einzigen WGT-Besucher hier zu sein, obwohl es nur zwei-, dreihundert Meter vom Connewitz Kreuz entfernt ist. Das Essen ist ausgezeichnet, und irgendwie schaffen wir es, sogar noch schneller als die anderen Gäste bedient zu werden. Aber vielleicht liegt das auch an unseren vergleichsweise einfachen Gerichten (Pizza, Salat und Gnocchi ... die besten, die ich bisher hatte), das Ristorante bietet daneben aber auch für den gehobenen Geschmack so einiges auf der Karte. 

Eiskaffee geht auch an kühlen Tagen

Zurück in der Agra schauen wir uns die 69 Eyes an. Naja, Mina schaut. Ich sitze an der Seite und versuche, meine verkrampften Rückenmuskeln zu lockern. Das Alter und die im Alltag mangelnde Bewegung sorgen wohl dafür, dass ich es nicht gewöhnt bin, über längere Zeit zu versuchen, zwischen den Köpfen und Schultern wesentlich größerer Menschen hindurch einen Blick auf die Bühne zu erhaschen. Hatte ich schon erwähnt, dass in meinen Augen das größte Versäumnis in der Agra die fehlende Videoleinwand ist?

Nach dem Konzert machen wir einen Rundgang durch die Verkaufshalle (jupp, schon wieder) und unterhalten uns eine Weile mit dem Inhaber des einzigen Vintage-Standes/Shops (Vintage13) in der Halle, um dann Halle 4.2 aufzusuchen, in der an diesem Abend unter anderem Honey von Welle:Erdball auflegen soll. Honey und die anderen DJs enttäuschen uns aber mit zu viel elektronischem Kram und nicht nachvollziehbaren Aneinanderreihungen verschiedenster, nicht zueinander passender Songs. Also ziehen wir uns zum Abschluß wieder ins Treffen-Café zurück, wo an diesem Abend eher klassische Songs aus den 80ern und 90ern zelebriert werden.   

Tag 4: Montag

Der Montag begrüßt uns mit ... ? Genau, Regen. Aber nur kurz, dann wird es trocken und nicht zu kalt, aber auch nicht zu warm. Wir sind spät auf und daher noch später erst aus dem Haus. Das macht jedoch nichts, denn wir begeben uns auf mehr oder weniger direktem Weg zum Treffen der Spontis-Familie im Park hinter der Moritzbastei. Als regelmäßige Leser und Kommentatoren wollen wir uns natürlich auch mal die Leute hinter den Artikeln und Kommentaren anschauen. Leider sind wir beide eher introvertiert, und auf eine größere Gruppe uns unbekannter Menschen zu treffen und eventuell auch noch mit ihnen zu reden, erfüllt uns erst einmal mit Angst und Schrecken, begleitet von leichter Übelkeit und kribbelnder Kopfhaut. Robert, Initator und treibende Kraft hinter dem Blog, ist glücklicherweise leicht zu erkennen, und nach der Vorstellung merken wir, dass er mindestens ebenso aufgeregt ist wie wir, und vermutlich trifft das auch auf viele der anderen Anwesenden zu.

Unglücklicherweise beginnt es bald erneut stark zu regnen, und als sich auch noch ein Gewitter und zunehmende Kälte bemerkbar machen, beschließen wir aus Sicherheitsgründen (im Gewitter unter Bäumen zu stehen, ist nicht empfehlenswert) und weil Mina durch den Regen und die Kälte noch mehr friert als üblich, weiter zu ziehen. Um dem Sturzbach von oben zu entgehen, machen wir kurz Halt in einem Café, wo wir in einem netten Gespräch mit einem Leipziger Pärchen auch anklingen lassen, dass Fetischpferde und Live-Rollenspieler nicht unbedingt Kernkompetenzen der Szene sind. Kleine Korrekturen des Außenbildes können nicht schaden...

Das sonstige Rahmenprogramm ist an diesem Montag eher dünn gesät, offenbar konzentriert man sich mehr auf die anderen Tage. Da uns auch viele der an diesem Tag noch spielenden Bands nicht so zusagen, machen wir uns noch ein letztes Mal auf den Weg ... genau, zur Agra. Getrieben von der Hoffnung, in der Messehalle vielleicht doch noch ein Schnäppchen zu machen (die aber, wenn überhaupt vorhanden, trotz des letzten Tages nur dünn gesät sind), für Mina (die schon halb erfroren ist) eine wärmende Jacke zu finden oder unverhofft auf bekannte Menschen zu treffen, treiben wir uns nun noch ein paar Stunden auf dem Gelände herum. Aber da man, wie es heißt, aufhören soll, wenn es am schönsten ist, beschließen wir bald, den Abend lieber in der Ferienwohnung bei einem Glas Wein ausklingen zu lassen, und beenden so quasi offiziell unser Wave-Gotik-Treffen 2017 auf der Couch statt bei einer der Abschlussparties.

Heimreise

Nachdem wir bei freundlichem Wetter (Verdammt! Warum nicht so am Montag? ) aus dem Bett finden und all unser Hab und Gut ins Auto verfrachten, beschließt Mina, dass wir noch kurz beim DarXity-Shop (ein Leipziger Gothic-Shop um die Ecke) vorbei schauen müssen, bevor wir uns endgültig verabschieden. Wir scheinen jedoch nicht die Einzigen mit dieser Idee zu sein, und so ist der Shop trotz der frühen Stunde gut gefüllt mit (vermutlich) anderen WGT-Besuchern. Erst eine Stunde später sitzen wir dann schließlich im Auto Richtung Heimat. 

So ganz ist die Reise dann aber doch noch nicht zu Ende, denn unsere knurrenden Mägen und die Neugier drängen uns, noch einen Abstecher von der Autobahn nach Weimar zu machen. Wir finden eine kleine, aber sehr hübsche Stadt vor, deren touristisches Potenzial sich nicht nur in schönen Gebäuden erschöpft. Eine gute Mahlzeit und ein Gewitter später sitzen wir dann aber trotzdem wieder im Fahrzeug, mit dem Vorsatz, vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt Weimar noch einmal zu besuchen und genauer in Augenschein zu nehmen. Die restliche Reise ist geprägt von wechselndem Regen und Sonnenschein.

Und auch wenn wir das WGT schon vermissen, ist es doch ein gutes Gefühl, wieder nach Hause zu kommen. 

Fazit

Alles in Allem war auch dieses Wave-Gotik-Treffen wieder sehr schön, auch wenn wir wieder einmal nur die wenigsten für uns interessanten Konzerte und nichts vom Rahmenprogramm des WGT mitbekommen haben. Das ist wohl unser größtes Manko: trotz der vielen Angebote schaffen wir es oft einfach nicht, sie auch wahr zu nehmen, teils aus Trägheit, teils aber auch, weil sich Konzerte und beispielsweise Lesungen oder Führungen oft zeitlich überschneiden und die Entfernungen zwischen den Locations die Terminkollisionen noch verschärfen. 

Was wir uns für das nächste Mal daher definitiv vornehmen: früher losgehen, mehr vom Rahmenprogramm mitnehmen, mehr Leute kennen lernen und uns bei allem Rummel, Karneval und sonstigen unangenehmen Begleiterscheinungen das Wave-Gotik-Treffen als eine Art Familientreffen nicht nehmen zu lassen.  

Samstag, 24. Dezember 2016

Garden of Delight und Merciful Nuns: deutscher Gothic Rock der Extraklasse

Meine lieben alternativen Menschen!
 
Trotz vorweihnachtlichen Stresses haben wir es noch geschafft, für euch etwas vorzubereiten. Victor hat wieder einmal tief in der Gohic-Rock-Kiste gegraben, und heraus kamen - passend zum Weihnachtsfest - Merciful Nuns (und Garden of Delight). Wir wünschen euch viel Spaß mit dieser Alternative zum üblichen Weihnachtsgedudel!

 
Hallo und Willkommen! Es ist wieder einmal Zeit für etwas Musik. Heute will ich nicht nur eine, sondern gleich zwei Bands vorstellen, die die Geschichte der Schwarzen Szene in Deutschland entscheidend mit geprägt haben und weiterhin prägen: Garden of Delight (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Celtic-Folk-Band!) und Merciful Nuns. Dass es zwei Bands sind, hat den einfachen Grund, dass beide Bands im Kern aus denselben Mitgliedern bestehen und letztere mehr oder weniger direkt nach der Auflösung ersterer als Nachfolgeprojekt aus der Taufe gehoben wurde. Doch der Reihe nach. 

Von Garden of Delight ...

Garden of Delight wurde 1990 von Artaud Seth (der mit dem Whispers in the Shadow-Frontmann Ashley Dayour zusammen auch das Projekt Near Earth Orbit betreibt) und Pisacane gegründet, mit dem Ziel, in sieben Jahren sieben Alben mit jeweils sieben Songs aufzunehmen. Die Häufung der Sieben verdankt sich dem Umstand, dass die Band sich konzeptionell ausschließlich mit Mythologie und Okkultismus beschäftigte, in deren Umfeld die Zahl eine wichtige Rolle spielt. Musikalisch wurde reiner Gothic Rock gespielt.


Pisacane verließ die Band schon 1991 wieder, nachdem das erste Album erschienen war. Neben dem Iren Thomas O'Connell stieß 1992 ein gewisser Adrian Hates, heute besser bekannt als der Gründer, Sänger und Kopf der Band Diary of Dreams, als Bassist zur Band, so dass mit nun komplettiertem Lineup auch das erste Konzert stattfinden konnte. 

Die Band stieg bis Mitte der 90er zu einem der erfolgreichsten Acts der deutschen Szene mit (bis heute) über 150.000 verkauften Tonträgern auf. Das Erfolgsrezept war neben dem Konzept und dem eingängigen Gothic Rock sicher auch Artaud Seths markante Stimme, die der Band eine hohen Wiedererkennungswert verschaffte. 


Trotz des Erfolgs wurde die Band jedoch 1997 wie geplant nach sieben Alben aufgelöst, die Mitglieder wandten sich vorerst anderen Projekten zu.

... über Garden of Delight feat. Lutherion ...

Im Jahr 2000 fanden sich einige der Band-Mitglieder wieder zusammen, nachdem Artaud Seths neue Songs besser zu Garden of Delight als zu seinem zwischenzeitlich gegründeten Projekt Chaos God passten. In der Folge entstanden die Alben Dawn und Radiant Sons welche ebenfalls sehr erfolgreich wurden.


Der Sound der Band wurde um elektronische Elemente und härteren Gitarreneinsatz erweitert, so kam nun unter Anderem auch eine Drummachine zum Einsatz. Etwa um 2002 herum stieß Seths heutige Ehefrau Jawa Seth nach einigen Lineup-Wechseln als Bassistin zur Band. 2003 wurden gleich zwei Alben, nämlich Apocyphal I: The Faithful und Apocyphal II: The Fallen, veröffentlicht, welche sich, wie der Name schon andeutet, mit den Apokryphen befassen, also den Schriften und Büchern der christlichen Religion und Mythologie, die offiziell nicht zum Bibel-Kanon gehören. Auf diesen Alben zeigt sich auch eine der großen Stärken der Band: Songs zu schreiben, die trotz ruhigerer Stimmung treibend und rockig sind. So gehören diese Alben auch unter Anderem deshalb zu meinen absoluten Lieblingsalben.


Bis 2007 wurden noch vier weitere Alben, nun jedoch unter dem Namen Garden of Delight featuring Lutherion, aufgenommen, dann wurde die Band (wieder einmal) für offiziell aufgelöst erklärt. Insgesamt hat die Band bis zu diesem Zeitpunkt 15 Studioalben plus einige EPs, Live-Alben usw. aufgenommen, und dürfte damit wohl eine der produktivsten Bands in der Szene und darüber hinaus gewesen sein. 


Unter dem Namen Lutherion erschien jedoch abschließend Ende 2009 noch das Album Kosmogenesis, welches aber anders als die Vorgänger ausschließlich deutsche Texte enthält.

... zu Merciful Nuns 

2010 wurde dann von der letzten Besetzung Garden of Delights, nämlich Artaud Seth, Jawa Seth und Gitarrist Jón, die neue Band Merciful Nuns aus der Taufe gehoben, die nun einen zwar immer noch durch den Drumcomputer aber ansonsten etwas weniger elektronisch gefärbten, modernen Gothic Rock spielen. Auch in dieser Inkarnation hat es die Band mittlerweile schon wieder auf acht (!) Alben gebracht und tourt erfolgreich durch die Welt. Und ein Ende ist nicht in Sicht...


Für mich gehören die Bands und Nebenprojekte um Artaud Seth definitiv mit zum Besten, das wie deutsche (bzw. deutschsprachige) Schwarze Szene hervorgebracht hat, und ich kann jedem, der Gothic Rock mag, nur ans Herz legen, sich einmal quer durch den umfangreichen Katalog der Bands zu hören.

Dienstag, 22. November 2016

Die Musik der Woche - Heute: Whispers in the Shadow

Dieser Tage begehen die Whispers in the Shadow, eine Band aus Österreich, die in der Schwarzen Szene über die Jahre viele Spuren hinterlassen hat, ihr 20jähriges Bestehen. Darum haben sie am vergangenen Samstag in Frankfurt im "Bett" eine Jubiläumsshow gespielt, die Mina und ich selbstverständlich besucht haben (Review folgt). Das habe ich auch gleich mal zum Anlaß genommen, euch die Band hier vorzustellen, auch um die bisher etwas Horrorpunk-lastige Reihe ein wenig mit traditionellerer "schwarzer" Musik aufzulockern.

Die Band wurde 1996 von Ashley Dayour gemeinsam mit Sebastian 'Zebo' Adam und Richard Lederer gegründet, nachdem er mit letzterem bereits bei Sanguis Et Cinis gespielt hatte und nun etwas Eigenes machen wollte. Der The Cure-Fan Dayour war Zebo bereits Jahre vorher an einer Bushaltestelle in Niederösterreich aufgefallen, ohne dass sich jedoch zu der Zeit ein näherer Kontakt ergab (diese Begebenheit wird übrigen in dieser Doku erwähnt). Später fand man aber doch zusammen und gründete eine Band, die anfangs sehr an den frühen The Cure orientierten Post Punk und Dark Wave spielte und 1997 den Erstling "Laudanum" veröffentlichte:


Nach einem zweiten Werk und einigen Umbesetzungen (Ashley Dayour blieb das einzige Mitglied, das seit Anfang dabei ist) kehrte die Band in den Jahren 2000 und 2001 mit neuer Besetzung und zwei mehr vom Progressive Rock inspirierten Gothic Rock-Alben zurück und spielten mehrfach unter Anderem auch auf dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig: 


Danach wurde es einige Jahre recht still um die Band, bis man sich 2007 entschloß eine Live-Album zum 10-Jährigen Bestehen heraus zu bringen. Im Jahr darauf wurde eine neuer Plattenvertrag geschlossen, der es der Band erlaubte, in den nächsten Jahren vier konzeptionell zusammenhängende, sich mit Alchemie und Okkultismus beschäftigende, Alben zu veröffentlichen.


Dazu kamen wieder Auftritte auf den großen Szenefestivals, wie der auf dem WGT 2013 im nächsten Video (bei dem ich übrigens im Publikum stand):


Ashley Dayour spielt daneben noch in weiteren Bands. Unter Anderem sind das the Devil and the Universe und zusammen mit Artaud Seth (Kopf von Garden Of Delight bzw. Merciful Nuns, zu denen ich euch bei Gelegenheit auch etwas schreiben werde) bei Near Earth Orbit, beides Projekte, die ich euch ebenfalls sehr ans Herz legen kann.

Donnerstag, 29. September 2016

Wenn "goth" nicht goth ist: eine Polemik über "goth"-Trends

Kürzlich bin ich wieder einmal über mehrere Artikel und Videos gestolpert, die irgendwie um Mode/Fashion und/oder Lifestyle in Verbindung mit dem goth- bzw. Gothic-Begriff kreisen. Dabei habe ich mich wieder einmal gefragt, warum der Begriff immer wieder für (Fashion- und Lifestyle-)Trends missbraucht wird, die nichts mit der "Gothic"-Subkultur und der schwarzen Szene zu tun haben.

Fangen wir doch gleich mit dem aktuellsten Beispiel an, diesem Werbeclip für ASOS:


Man nehme ein paar Klamotten in Schwarz oder Violett, mit Spitze oder aus Leder, und schon sind sie "goth". Wenn man das Ganze noch mit bunten Käfer- und Blumenstickereien und den Worten "punkig", "märchenhaft", "girlig" und "romantisch" kombiniert, einen "Star" (nach welch zweifelhaften Kriterien auch immer) als Inspiration zitiert und dazu noch das kränklich-feminine Make-Up auflegt, gilt (Zitat): "Gothic ist auf jeden Fall in!" ... auch wenn das zusammengestellte Outfit dann nicht einmal ansatzweise "gothic" ist und man dem Model ansieht, dass es vermutlich noch keinem Goth näher als 5 Meter gekommen ist. Aber Trend ist Trend, und man muß ja auf den Zug aufspringen. Im Zweifelsfall mit bunten Blumenstickereien.

Grundsätzlich ist natürlich nichts dagegen zu sagen, dass sich Designer von Subkulturen inspirieren lassen - einige von ihnen haben vermutlich ihrerseits auch die Szene inspiriert: Vivienne Westwood fiele mir da ein. Oder Gareth Pugh, Rick Owens, Ann Demeulemeester. Meines Wissens haben diese ihre Werke aber nie als "goth" oder "gothic" beworben. 

Natürlich haben solche Trends für die Szene den Vorteil, dass sich die Auswahl an tauglichen Klamotten schlagartig erhöht, wenn man denn bereit ist, seinen Individualismus aufzugeben und womöglich als Trend-Mitläufer angesehen zu werden, der seiner kleinen Schwester die Klamotten klaut. Und man muss dann natürlich auch außer Acht lassen, dass sich die Gothic-Subkultur ursprünglich auch als Gegenbewegung zu Trends und Kommerz sah und DIY zur Kunstform erhob.

In dieselbe Kerbe schlagen auch ältere Trends mit Bezeichnungen wie "gothninja" (googlet es), die außer dem Namen und der vorherrschenden Farbe nichts mit der Subkultur (und oft auch nichts mit deren Stil) zu tun haben. 

Ein anderes Beispiel: die Autorin und Filmemacherin Liisa Ladouceur, die regelmäßig über die Szene schreibt und davon lebt, hat kürzlich ein Video über die "... evolution of goth clothing, hair and make-up styles..." gemacht, das ich eigentlich nur als Satire verstehen kann:


Mal ganz abgesehen davon, dass Stile wie Cybergoth, Steampunk und Gothic Lolita teilweise zeitlich falsch eingeordnet sind (Lolita z.B. ist ein reiner Modetrend und seit den frühen 70ern in Japan bekannt, also vor dem Aufkommen der Gothic-Subkultur), ist auch ihre Zuordnung zur Subkultur eher zweifelhaft, da die dahinter stehenden Ideen (sofern es überhaupt welche gibt *hüstel*) völlig andere sind. Dass sie heute auch in der Schwarzen Szene anzutreffen sind, hat eher damit zu tun, dass die Veranstalter großer Events mehr Publikum anziehen wollten und einfach alles zusammen geworfen haben, das sich bei 3 nicht im tiefsten Graben versteckt hatte.

Ein weiteres Beispiel ist "healthgoth". Was das ist? Die grundlegende Idee scheint zu sein, Sport in schwarzen Klamotten zu treiben. Und sich dabei zu fotografieren oder darüber zu twittern. Natürlich spricht nichts dagegen, ein gesunder und fitter Grufti zu sein, besonders weil man dann leichter vor dummen Leuten und Fashion Victims davonlaufen kann. Aber was hat das mit der Subkultur zu tun? Nichts, es ist einfach nur ein Trend-Begriff, um mehr schwarze Sportklamotten verkaufen oder alternativ sich selbst besser vermarkten zu können. Und die überwiegende Mehrzahl der "#healthgoth"-Hashtagnutzer hält vermutlich Darth Vader für das Vorbild aller Grufties, schließlich ist der auch ganz blass und faselt ständig von der "dunklen Seite".... 

Nicht überall wo "goth" drauf steht, ist also auch goth drin. Gothseidank gibt es in der Szene genug Kellerkinder und Arroganz, die die Szene auch solche Attacken überstehen lassen.

Montag, 15. August 2016

Die (un)politische(?) Schwarze Szene

Sucht man nach Beschreibungen der Schwarzen Szene, liest man darin fast unweigerlich, dass die Szene "unpolitisch" sei. Doch stimmt das wirklich? Ist "unpolitisch" nicht oft ein Euphemismus für "desinteressiert" oder gar "ahnungslos"? 

Eine Szene wird über gemeinsame Interessen und Geschmäcker ihrer Akteure definiert. Für die Schwarze Szene gilt sicher, dass es keine einheitliche und vordergründige politische Einstellung gibt, durch die die Szene definiert wird, doch das ist nicht gleich zu setzen mit "nicht an Politik interessiert". Meiner Erfahrung nach hat (mit wenigen Ausnahmen) so ziemlich jeder Mensch eine politische Meinung. Und ist nicht auch schon der Mehrheitsgesellschaft gleichgültig bis ablehnend gegenüber zu stehen eine politische Meinung?  Mit wenigen Ausnahmen leben alle Menschen in einer Gesellschaft, deren Regeln und Gepflogenheiten sie mehr oder weniger folgen. Je weniger sie mit diesen zufrieden sind, desto eher äußern sie ihre Ablehnung auf die eine oder andere Weise. Dies an sich ist schon ein politischer Akt. Die Entwicklung der Schwarze Szene, wie auch ihr anhaltendes Fortbestehen, waren und sind auch eine Reaktion auf gesellschaftliche Umstände. Oder vereinfacht gesagt: Menschen, die in der Gesellschaft, in der sie leben, restlos zufrieden sind, versuchen nicht, sich durch Kleidung und Habitus von eben dieser abzuheben.

Die Szene hat keine einheitliche politische Position, das Spektrum anzutreffender Meinung reicht von (leider) rechts außen bis links außen, wobei meiner Meinung nach (und vermutlich historisch bedingt durch die Entwicklung aus dem Punk heraus) zentrumsnahe und linke Meinungen glücklicherweise weit zu überwiegen scheinen. Politische Äußerungen mögen in der Szene keine herausragende Rolle spielen, sie sind jedoch klar vorhanden und werden sensibel registriert. Diskussionen um die WGT-Kartenmotive, wie die berüchtigte schwarze Sonne auf der Obsorgekarte von 2009, um Uniformen oder um Musiker wie Josef Maria Klumb (Von Thronstahl) oder Douglas Pearce (Death In June) zeigen ohne jeden Zweifel, dass politische Positionen in der Szene aber durchaus eine Rolle spielen. Nicht zuletzt sind Gruppen wie die "Gruftis gegen Rechts" und Bands mit politischen Texten wie z.B. London After Midnight Ausdruck eines ausgeprägten politischen Bewußtseins. Auch scheint die Toleranz gegenüber extremen Meinungen besonders aus dem rechten Spektrum in der Szene nicht größer zu sein als im Rest der Gesellschaft. Im Gegenteil: rechte Positionen werden in der Regel (und aus meiner Sicht: zurecht) nicht toleriert, bei Veranstaltungen z.B. werden als problematisch angesehene Symbole bzw. deren Träger oft schon am Eingang abgewiesen.

Bei aller Toleranz ist die Szene also definitiv nicht politisch desinteressiert oder gar unbedarft. Anders als bei politischen Parteien oder extremistischen Szenen wie Pegida, Links-Autonomen, Nazi-Kameradschaften etc. gibt es in der Szene vielleicht keine einheitliche politische Ausrichtung der Akteure. "Unpolitisch" ist die Szene jedoch eindeutig nicht. Dieses Wort sollte aus den Beschreibungen gestrichen werden.

Montag, 11. Juli 2016

Ein neuer Gastautor: Victor von Void!

Meine lieben alternativen Menschen:

Ich freue mich sehr, euch heute meinen neuen Gastautor Victor von Void auf meinem Blog vorstellen zu dürfen! 

Victor von Void


Victor ist seid ca. 20 Jahren in der Schwarzen Szene aktiv und wird euch von nun an hier regelmäßig mit Einblicken in seine Welt und seine Gedanken erfreuen. 

Ihr möchtet mehr über Victor erfahren? Klickt doch einfach mal hier, oder oben in die Navigationsbar auf "Gastautor Victor von Void".

Warum ein Gastautor? Zuallererst, weil Victor ein wunderbarer Mensch und ein wichtiger Teil meines Lebens ist. Aber auch, weil es immer gut und absolut notwendig ist, verschiedene Ansichten zu gewissen Themen zu publizieren, zu lesen und zu prüfen. Und weil Victor vermutlich auch andere Lifestyle-Themen und Interessen behandeln wird, als ich es bisher getan habe, was mehr Information für euch bedeutet. Und weil Vielfalt etwas Wunderbares ist. Und, und, und... diese Liste könnte ich noch unendlich weiter führen, aber bitte... lasst euch überraschen!

Selbstverständlich werde ich euch auch auf Facebook und Twitter auf dem Laufenden halten, wenn es etwas Neues von Victor zu lesen gibt, so, wie ich es euch auch bisher wissen lassen habe, wenn es von mir etwas Neues gab (was ich natürlich auch weiterhin tun werde).

Ich hoffe, ihr seid genauso gespannt, wie ich es bin!


In diesem Sinne: Cheerio and stay different!

Eure